Nur bedrucktes Papier?

Mit ihrem Rundumschlag begräbt die Kolumnisten Kathrin Passig in der Zeit treffend die falschen Hoffnungen, die mit Bibliotheken verbunden werden. Sie erklärt, dass die Bibliothek von gestern zukünftig nichts leisten könne, was das Internet nicht besser machen würde.

Kathrin Passig hat Recht und Unrecht zugleich

Das uralte Argument, dass das Stöbern im Internet nicht so reichhaltig und vielfältig sei, wie in der Bibliothek ist natürlich nicht zu halten. Das Internet ist die unangefochtene Nummer 1 in der Kategorie: Vom-Hölzchen-aufs-Stöcken. Das umgekehrte Argument, das Internet sei durch eine fehlende Auswahl wie ein Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sehen könne, wird Dank der vielen systematischen Filter (wie Googles Page Rank)  im wesentlichen aufgehoben. Passig führt ehrlicherweise aus, dass es hierbei natürlich auch auf den einzelnen Benutzer ankommt und ob dieser sich von über 100.000 Treffern nach einer gezielten Suche erschlagen lässt.

Abschließend kritisiert Passig auch die Umwidmung beziehungsweise vielmehr die zusätzliche Nutzung der Bibliotheken als Coworking- oder Maker-Spaces. Und das auch zu Recht? Meiner Meinung nach nicht. Denn man kann nicht einerseits fordern, dass sich die Bibliothek von morgen unbedingt neu orientieren müsse, und andererseits jede Änderung pauschal niedermachen.

Bibliothek – Heimat der Geschichten

Bibliotheken sind der Ort des Angebots und Austauschs von schlichten Informationen. Für diesen Zweck gibt es eher früher als später ausschließlich das Internet. Das ist keine Neuigkeit. In seltenen Fällen werden allerdings Informationen ausschließlich online nicht ausreichen und in diesen Fällen wird eine Art Makerspace eine gute Ergänzung zum Internet sein. Warum soll ein Makerspace nicht dann wieder in einer Bibliothek angesiedelt werden?

Bibliotheken sind heute mehr denn je Heimat unserer Geschichten. Das Schreiben und Erzählen von Geschichten ist eines der wichtigsten und am häufigsten unterschätzten Güter unserer Kulturgeschichte. Und, dass wir Geschichten immer mehr in elektronischer Form konsumieren, ändert daran nichts. Dass das Lesen von Erzählungen, ganz egal wie trivial, unsere Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich prägt und für die Ausbildung von Empathie notwendig ist, hat Neil Gaiman eindrücklich im Guardian erklärt. Erzählungen und Geschichten, Tragödien oder Komisches möchten wir ab einem frühen Punkt in unserem Leben nicht nur konsumieren, sondern mit unseren Mitmenschen teilen. Wir wollen Ihre Reaktionen sehen und leiten daraus die Grenzen des Möglichen und Unmöglichen in unserer Gesellschaft ab. Wir begreifen, dass wir durch Erzählungen eben Gefühle erzeugen und Eindrücke hinterlassen, die nachhaltig das Miteinander verändern können. Und mehr als je zuvor sind Bibliotheken der Ort, wo diese Geschichten Ihre Heimat haben.

Anhand von facebook sieht man ganz deutlich, dass Geschichten alleine und isoliert kaum einen Wert haben, sondern überhaupt erst deshalb verbreitet/geteilt werden, weil man durch das Teilen mittels Likes oder shares oder Retweets absehen kann, wie sehr der eigene Gedanke oder das persönliche Gefühl von den Mitmenschen wahrgenommen und verstanden wurde. Facebook oder auch Twitter bilden so unsere reale Welt digital im weltweiten Maßstab nach. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben sind zahlreicher und vielfältiger als die jeder Bibliothek. Nichtsdestotrotz wird die Bibliothek dadurch nicht unbedingt obsolet.

Ganz im Gegenteil. Junge Menschen müssen deshalb heute viel mehr als vor einigen Jahren wissen, welchen Stellenwert Erzählungen haben. Sie müssen früh mit den Mechanismen des Erzählens vertraut gemacht werden, denn sie müssen die Grenzen, Gefahren und Potentiale die das Weitergeben von Geschichten hat in einem geschützten und vertrauensvollen Raum erlernen und schätzen lernen. Eine Generation, die fixiert auf die Zahl der Likes, nur noch das teilt was populär sein könnte, konsumiert langfristig nur noch den Mainstream und schafft mutige Ideen und abwegige Fantasien ab. Erst in den eigenen Köpfen und dann in den Köpfen der Anderen.

Bibliotheken sind deshalb heute der kleine, vertraute und geschützte Ort, wo wir der jungen Generation Lust am Lesen und Denken und Erzählen machen können. Und wir brauchen dafür Bücher solange die Menschen diese noch gerne zum Lesen nutzen. Keinen Tag länger. Bücher und Bibliothek, Bibliothek und Benutzer und Benutzer und Bücher. In einer guten Bibliothek ist alles aufeinander abgestimmt. Denn eine gute Bibliothek wird nicht nur von ihren Benutzern in Anspruch genommen, sondern auch von diesen gestaltet. Die Bibliothek von morgen muss mehr denn je Inspirationsquelle sein. Die Bibliothek von morgen muss der Ort sein, wo Geschichten erzählt werden, weil Sie dort bedingungslos gerne gehört werden wollen.